Severinkogel Nordwand

Erstbegehung in der Severinkogel Nordwand

27. März 2021

Als ich mit Chrisi Pichler eine Winterbegehung der Heuschober Ostkante unternommen habe, ist uns die gute Schneelage in der Severinkogel Nordwand aufgefallen. Nicht zu viel um nur zu wühlen, aber auch nicht zu wenig um nur am Fels herumzukratzen. So wird unser eigentliches Winterprojekt in den Ringen vorerst auf Eis gelegt. Zu verlockend ist die, vorerst noch vage Idee einer neuen Linie. Schon zwei Tage später, am 9.3.2021 stiefeln wir wieder voll ausgerüstet von Weichselboden in den Unteren Ring. Das Wetter ist mit tiefhängenden Wolken und zeitweiligem Schneegaustern nicht überragend, aber die Einstiegrinne ist schnell gefunden. In der harten Schneerinne kommen wir schnell vorwärts und der erste felsige Abschnitt löst sich besser auf als befürchtet. Nach einer kurzen Eierei an plattigem Fels und gefrorenem Gras kommt das Seil das erste Mal zum Einsatz. Die steilere Wandstufe lässt sich besser klettern als sie aussieht. Die spärliche Absicherung an Mini-Lärchen und einem Cam wird durch gut gefrorene Graspolster kompensiert. In der folgenden Schneerinne geht es wieder zügig vorwärts bis der Triebschnee so tief wird, dass wir gerne wieder das Seil auspacken. Besser ein wenig sichern, als mit einem Schneebrett in die Tiefe fetzen…

Bei der ersten Gabelung rechts, nach einer Seillänge links abbiegen – immer schön auf das Bauchgefühl hören. Es folgt eine genussvolle Länge mit guten Eisglasuren, die uns in den Bereich des Karrenweges bringt. Mittlerweile hat uns der Nebel eingehüllt, die Sicht ist ziemlich mies und ein Geländevergleich mit dem Wandfoto sinnlos. Seilfrei stapfen wir linkshaltend aufwärts in Richtung der vermuteten Schlucht, die uns hoffentlich auf die Hochfläche bringen wird. Wir finden tatsächlich eine Schlucht, die uns immer eindrucksvoller aufwärts führt. Unter einer engen, tief eingeschnittenen Engstelle halten wir kurz an. Chamonix lässt grüßen! Wir könnten jetzt genauso gut irgendwo am Mt. Blanc du Tacul unterwegs sein – nur der Kalk passt irgendwie nicht so recht ins Bild.

Die vereiste Engstelle klettern wir ohne Seil und stellen fest, dass sie doch steiler und delikater ist als es von unten den Eindruck gemacht hat. Danach folgt noch schönes Kombigelände mit Eisglasuren und hartem Schnee. Der vermeintliche Ausstieg der Tour entpuppt sich nur als Scharte, auf der es auf der anderen Seite ziemlich steil runterpfeift. Es hilft nix, wir müssen die steile Felswand zu unserer rechten Seite hoch, die mindestens so schwer ist wie sie aussieht. Langsam arbeite ich mich nach oben, ein guter Normalhaken beruhigt fürs Erste. Aber es geht schwierig weiter, die Absicherung ist nicht ganz einfach und bei einem wackligen Überstieg in eine Gufel ist heute Schluss für mich. Chrisi übernimmt das scharfe Ende und müht sich weiter. Zwei Haken und einen Pecker, der eine plattige Stelle einigermaßen vernünftig absichert, geht es in etwas leichterem Gelände nach links zu einem Stand. Eine wirklich starke Leistung von Chrisi! Ich mühe mich im Nachstieg mit beiden Rucksäcken und schon etwas steifgefroren aufwärts. Irgendwie geht´s dann doch ohne rasten bis zum Köpfelstand. Mehr als 1,5 Stunden hat uns diese Länge abverlangt. Gut, dass bis zum Ausstieg auf der Hochfläche nur mehr eine steile Schneerinne folgt, die sich ohne Schwierigkeiten klettern lässt.

Zufrieden mit der lässigen Linie und froh, dass alles gut gegangen ist packen wir unsere Sachen in die Rucksäcke und marschieren im White Out vermeintlich zielstrebig Richtung Seewiesen. Was folgt ist eine Ehrenrunde im Nebel auf der Hochfläche und die Erkenntnis, dass GPS Tracks nur etwas bringen, wenn man das Gerät auch tatsächlich einschaltet und benützt. Dank GPS finden wir dann doch noch den Abzweiger ins Bruchtal und so laufen wir 11,5 Stunden nach unserem Start in Weichselboden mit einem breiten Grinser in Seewiesen ein.