Chri Leitinger
30 Jul

Urlaub im Besengi

 

Wieder einmal sitze ich in einem russischen Jeep und holpere die ewig lange Straße ins Besengital. Dieses Mal begleitet mich mein Kletterkollege Michael Magritzer in diesen Teil des Zentralkaukasus. Geschüttelt (und nicht gerührt) kommen wir 20 Stunden nach unserer Abreise in Wien spät abends im Bergsteigerlager Besengi auf 2270m an. Auf Grund verschiedener Infos über schlechte Schnee- und Wetterverhältnisse haben wir noch zu Hause unsere Ziele auf „Spaß haben und schauen was geht“ zurückgeschraubt.

 

Seit dem letzten Mal hat sich einiges getan: jetzt gibt es eine zweite Bar, ein kleines Geschäft, einen brauchbaren Ausrüstungsverleih, sogar einen Flatscreen für die Fußball WM und mein Russisch hat mittlerweile auch ein recht annehmbares Niveau erreicht.

 

Ukju / Укю (4330m)

Gleich am Tag nach unserer Ankunft packen wir unsere Rucksäcke und steigen zur Biwakschachtel „Ukju Kosch“ (3200m) auf, um von dort unsere Akklimatisationstouren zu starten. Nach einer kurzen Nacht nehmen wir den Ukju über den Südostgrat in Angriff. Die eigentlich recht leichte Tour gestaltet sich auf Grund des Neuschnees ziemlich mühsam. Nach einigen Stunden Wühlerei stehen wir dann aber doch auf dem Gipfel und genießen die Aussicht auf die umliegenden Berge, die bis zum Elbrus reicht.

 

Pik Archimed / Пик Архимед (3950m)

Nach einer weiteren Nacht in der geräumigen Biwakschachtel wollen wir über die „Arbus-Route“ auf den Pik Archimed. Da es in der Nacht aber kaum gefroren hat und die Tour für den Eis- und Steinschlag berüchtigt ist, weichen wir auf ein schmales Couloir östlich davon aus. Diese Tour ist in keinem Führer erwähnt, bietet aber gute Kletterei bis max. 60 Grad, bevor sie am Grat auf die ursprüngliche Route trifft. Der Grat bietet schöne kombinierte Kletterei mit einem sehr ausgesetzten Hangelquergang, bevor es über einen leichten Schneehang zum Gipfel geht.

 

Pik Kursanti / Пик Курсанти ( 3850m)

Dem Mischirgi Gletscher folgend geht es Richtung Biwakplatz am Brno Gletscher, den wir nach fast 6 Stunden und einer Eisklettereinlage nachmittags erreichen. Unser Zelt stellen wir auf einen zu kleinen, ebenen Felstisch inmitten von Gletscherspalten – der einzig brauchbare Platz weit und breit. In der Nacht beginnt es teils intensiv zu regnen, und das auf 3700m! Als es um 4 Uhr immer noch gegen die Zeltwand trommelt verabschieden wir uns von unserem eigentlichen Ziel, der Nordwand des Misses Tau (4427m). Ein lange gehegter Traum muss wieder verschoben werden! Um 7 Uhr scheint die Sonne und es ist so warm, dass wir im T-Shirt vor dem Zelt frühstücken. Um nicht ganz umsonst hierher gekommen zu sein stapfen wir auf den Pik Kursanti. Doch selbst hier versinken wir teilweise knietief im aufgeweichten Schnee. Die schöne aber kurze Kletterei am Gipfelaufbau ist leider nur ein schwacher Trost für den verpassten Misses Tau.

 

Pik Sella / Пик Селла (4380m)

Nach einem Rasttag starten wir zum Österrichischen Biwak am Dschangi Kosch (3250m). Bevor wir überhaupt zu schwitzen beginnen werden wir schon von zwei Typen in Tarnanzug inklusive Kalaschnikov angehalten. Ohne Reisepass, Visum und Grenzvisum geht hier gar nichts, bewegt man sich doch Richtung georgischer Grenze. Nach penibler Kontrolle dürfen wir passieren und wandern recht zügig talaufwärts. Auf Grund des leichten Gepäcks kommen wir gut voran und erreichen schon nach fünfeinhalb Stunden die Biwakschachtel. Die Russen, die mit uns beim Lager gestartet sind, haben „fast & light“ mit „fast leicht“ verwechselt und torkeln nach 11 Stunden mit ihren 90 Liter+ Rucksäcken zum Lagerplatz.

 

In der Nacht schlägt das Wetter um und so verbringen wir den Tag mit rumhängen und einem kurzen Spaziergang, um die Verhältnisse in der Nordwand abzuklären. Am Abend bekommen wir mit, dass uns eine Gruppe Russen mit dem gleichen Ziel den Zustieg über den spaltigen Gletscher spuren lassen will. Blöd nur, dass wir uns bereits eine Zustiegsalternative über ein Couloir ausgekundschaftet haben, das wir früh morgens ohne Stirnlampe aufsteigen. So stehen wir schon am Einstieg, als die Russen noch im Spaltenlabyrinth umherirren. Die Nordwand selbst ist bei tiefem Schnee recht unspektakulär. Der teilweise ausgesetzte, kombinierte Grat und die Nebelstimmung lassen aber richtig alpines Flair aufkommen. Beim Abstieg leisten wir uns noch zwei Verhauer, sind aber bereits mittags an der Biwakschachtel und genießen am Nachmittag schon das erste Bier zurück im Lager.

 

Dumalatau / Думалатау (4680m)

Im Lager haben wir einige Bekanntschaften geschlossen. Darunter auch Sergej, ein Bergsport-Instruktor aus Moskau. Er will mit uns auf den Dumalatau mitkommen, um zu sehen wie wir Westler denn so bergsteigen. Die Infos über die Verhältnisse, die wir von russischen Bergsteigern bekommen klingen wenig erbaulich: weicher Schnee, zehn Stunden vom oberen Zeltplatz zum Biwakplatz in der Scharte, Blankeis, mindestens drei Tage in der Tour…

Unser Zelt bleibt im Lager – keine Lust auf schwere Rucksäcke. Wir wollen von der Biwakschachtel Ukju Kosch in einem Zug auf den Gipfel und wieder retour.

 

Um 23:45 Uhr läutet der Wecker. Um Mitternacht sind wir schon unterwegs. Wir haben nur das Notwendigste dabei und so kommen wir zügig voran. Nach einer Stunde kommen wir zum Zeltplatz, von wo aus die Russen gestartet sind. Nach weiteren drei Stunden, Blankeis bis 60 Grad und brüchigen Kombigelände passieren wir den Sattel. Danach folgen noch kurze Blankeisstellen und die lange Firnflanke zum Gipfelaufbau. In der Flanke lassen wir Sergej´s Rucksack zurück da er schon ziemlich zu kämpfen hat. Kurz unter dem Gipfelgrat geht die Sonne auf. Ein großartiges Erlebnis! Am Gipfelgrat sichern wir noch einmal über ein paar kombinierte Kletterstellen und stehen bereits um sechs Uhr morgens am Gipfel! Eine echt geniale Tour. Zurück geht es auch recht zügig, obwohl Sergej die Sohle seines Schuhs fast verliert und wir einen kleinen Umweg wegen Steinschlaggefahr nehmen müssen. Um zehn Uhr sind wir wieder an der Biwakschachtel. Sergej bleibt im Biwak. Er ist fertig, braucht Schlaf und muss die für ihn neue Art Berge zu besteigen erst einmal verdauen. Magi und ich sitzen zwei Stunden später schon in der Bar und gönnen uns ein Gipfelbier…

 

© chrileitinger.at 2013