Chri Leitinger
01 Nov

Klettertrip Krim

Krim 2013 – oder, wieder einmal allein unter Russen

 

Während meines 2. Auslandssemesters an der Voronezh State University wurde wegen Visaproblemen nichts aus einem geplanten Klettertrip auf die Halbinsel Krim. Dafür bekam ich von den russischen Kollegen auf meiner Abschiedsfeier am Semesterende eine Einladung für diesen Herbst.

 

Unmittelbar nach meinem Studienabschluss war es dann am 2. Oktober soweit. Ich sitz im Flieger und reise über Moskau in die Ukraine nach Simferopol, die Hauptstadt der autonomen Republik Krim. Am Flughafen warten schon wie vereinbart meine Kletterkollegen aus Voronezh auf mich, die mit dem PKW aus Russland angereist sind. Zügig geht es durchs verregnete Inland auf die ebenso verregnete Küste zu. Nach 2,5 Stunden Fahrzeit erreichen wir die kleine Ortschaft Foros am südlichsten Zipfel der Halbinsel. Dort beziehen wir unser gemütliches Appartement in einem dreistöckigen Blockhaus direkt am Meer.

 

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Am nächsten Tag hat der Regen aufgehört, es ist aber nach wie vor ungemütlich kalt und windig. Trotzdem fahren wir zu einem kleinen Klettergarten der sich etwa 300 Höhenmeter über der Küste befindet. Der neue und perfekt eingerichtete Spot bietet raue, gut strukturierte Kletterei. Trotz der mäßigen Witterung haben wir jede Menge Spaß und können ein paar schöne Linien klettern.

 

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Da das Wetter an den nächsten Tagen noch unwirtlicher wird gibt’s statt Klettereien einen Ausflug zu den Ausgrabungsstätten nach Simferopol und eine Wanderung zum Sonnentempel. Dieser Tempel, der irgendwie an Stonehenge erinnert, ist eine natürliche Gesteinsformation mit einer mystischen Aura. Überhaupt bin ich von der Landschaft auf der Krim begeistert: klares Meerwasser, darüber die beeindruckenden Felswände, bunte Laubwälder und riesige Weinbaugebiete lassen echtes Urlaubsfeeling aufkommen. À propos Weinberge – nach nächtelangen, intensiven Verkostungen wurde der örtliche Rotwein für sehr gut befunden…

 

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Das Wetter ist zwar noch immer nicht besonders gut aber eine erste leichte Alpintour muss schon gehen. Wir klettern das „Ohr“, ein Klassiker an der Mschatka-Kaja, 250m, 4+. Für diesen Grad untypisch, darf schon einmal ordentlich zugepackt werden. Dennoch geht’s zügig nach oben. Was sich bei einsetzendem Schneetreiben!! in der letzten Länge als richtige Taktik erweist. Klettermäßig trotzdem ein guter Vorgeschmack auf weitere Touren.

 

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Tags darauf steigen wir in den Oberklassiker „Kant po Kantu“ 310m, 5+ A1, an der Foroskii Kant ein. Wie bei vielen anderen Touren gibt’s auch hier gebohrte Standplätze und dazwischen wenig bis gar nichts. Auch in der A1-Länge ist viel Eigeninitiative gefordert, lässt sich aber mit Keilen und Friends gut klettern. Im oberen Teil klettern wir die mit Bolts gesicherte Freiklettervariante. Eine Traum 7er-Länge in bestem Kalk. Auch insgesamt ist die Tour ein echtes Schmankerl. Der überschaubare Zustieg (5 min.) und Abstieg (45 min.) sowie der herrliche Ausblick aufs Schwarze Meer tun ihr Übriges.

 

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Nachdem es bis jetzt gut gelaufen schlägt Gribzov etwas Ernsteres vor. Eine 6 A1 am Massiv von Tschelebi soll es werden. Da wir nur ein Einfachseil und (zu) wenige Normalhaken haben und ich den ganzen Urlaub am scharfen Ende klettere ist mir nicht ganz wohl, lasse mich dann aber doch überreden. Am Einstieg angekommen werkt gerade ein Expeditionskollege von Robert Steiner aus dem Ural an den ersten Metern. Also suchen wir uns eine Alternative. Meine Enttäuschung hält sich auf Grund der furchteinflößenden ersten Länge in Grenzen. Wir steigen kurzerhand in den „großen Kamin“ 235m, 5, ein und holen uns prompt eine Abfuhr. In der 4. SL ist Endstation. So einen beeindruckend tiefen Kamin hab ich bisher noch nie gesehen! 30 Meter Sturzpotential auf ein „Bremsband“, dreckiger Fels und kaum Licht lassen mich kapitulieren. Jetzt wird mir auch klar warum im Führer was von „speleologischer Erfahrung“ steht… Das zu kurze Einfachseil, das sich beim Rückzug auch noch verklemmt sind Grund genug für einen Rasttag.

 

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Den Rasttag nutzen wir für eine kleine Rundfahrt. Zuerst geht’s nach Sevastopol wo wir das Museum der Schwarzmeerflotte besuchen, ein wenig bummeln und eine interessante Bootsfahrt durch die gro0e Bucht machen, wo ein Teil der russischen Marine stationiert ist.

 

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Am Nachmittag fahren wir nach Balaklava weiter. Der malerische Ort ist bekannt für seine windgeschützte Bucht wo zahlreiche Superyachten aus aller Welt vor Anker liegen. Für einen Besuch der einst streng geheimen unterirdischen U-Boot Werft reicht die Zeit leider nicht mehr.

 

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Nach der Pleite im Kamin will ich mein Selbstvertrauen wieder ein wenig aufpolieren. Es geht wieder zur Foroskii Kant wo wir über eine 6er Variante in die Perja, 300m, 5+ A1 einsteigen. Die ersten 3 Längen laufen wie am Schnürchen. Danach geht es über ein Band in einen brüchigen offwidth Riss. Irgendwann bleibe ich im Riss stecken. Die zwei, hinter einer brüchigen Schuppe platzierten Zwischensicherungen sind ebenso ein Scherz wie die Bewertung der Länge. Abklettern? Geht nicht mehr! Mit Angst und aufgerissenen Händen schürfe ich doch noch irgendwie weiter und kann nach 15 Metern den ersten guten Keil klippen. Am Ende des Risses geht’s noch sehr steil im A1-Gelände zum Stand weiter. Was für eine Länge! Die restlichen Längen sind zwar auch nicht geschenkt, lassen sich aber großteils gut absichern und bieten schöne Kletterei im festen Kalk.

 

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An den verbleibenden Tagen klettern wir noch eine sehr schöne 7SL-Plattentour à la Hundswand an der Uartsch-Kaja, die sogar plaisiermäßig eingerichtet ist und besuchen zwei Klettergärten.

 

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Der Klettergarten in Simeis ist ein echtes Schmankerl. Der bis zu 90 Meter hohe Felsklotz befindet sich direkt am Meer und bietet traumhafte, steile Kletterei, großteils im Bereich 6a bis 7b.

 

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Wie so oft ist der Urlaub auch dieses Mal viel zu kurz und so geht es nach 12 Tagen mit vielen neuen Eindrücken in einer 16-stündigen Autofahrt nach Voronezh, wo ich noch ein paar Tage bei Freunden verbringe.

 

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Mein Krim-Fazit: „I´ll be back!!“

 

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Facts: Die nahezu unüberschaubare Anzahl der Kalkfelsen befindet sich großteils entlang der südlichen und südöstlichen Küste der Halbinsel Krim. Neben 25 im Führer gelisteten Sportklettergebieten sind rund 250 – 300 Mehrseillängentouren mit bis zu 500 Metern Kletterlänge beschrieben.

 

Die meisten dieser Routen kann man getrost als alpin einstufen. Oft gibt es solide gebohrte Standplätze und dazwischen keine oder nur wenige Zwischensicherungen die von Normalhaken über Eisschrauben! und vergammelten 8er Bolts bis hin zu Niro-Ankern reichen. Die komplett eingebohrten Touren beschränken sich entweder auf einzelne Wandabschnitte oder sind echte Hämmer wie z.B. Atlant-M, 8b, wobei von den 9 SL eine einzige leichter als 7b+ ist!

 

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Hin- und Rückflug gibt’s unter € 400,-. Mietauto am Flughafen gibt’s ab € 35,-/Tag aufwärts. Für unser komfortables Appartement haben wir in der Nebensaison pro Person ca. € 7,-/Nacht bezahlt. Lebensmittel und Restaurantbesuche sind spürbar billiger als in Österreich. Kleine Klettershops in Simferopol und Simeis haben die notwendige Standardausrüstung und alle lokalen Kletterführer im Programm.

 

Einziges Manko: Kletterer die kein Russisch oder Ukrainisch sprechen könnten vor Ort echte Probleme mit der Verständigung haben. Die Führerliteratur gibt’s leider nur auf Russisch und auch die Ortstafeln, die ja nicht ganz unwichtig bei der Orientierung sind, werden zu 95% nur in Kyrillisch angeschrieben.

 

Eigentlich ist die Krim ein Ganzjahresgebiet. Wobei es im Winter Sonnenschein braucht um gute Bedingungen zu haben. Laut den Locals wird es im Hochsommer in den großteils südseitigen Wänden doch recht heiß. Ideal ist es daher von April – Juni und von September – Oktober, wobei heuer das kalte Wetter und der Schneefall Anfang Oktober eine echte Ausnahme waren.

© chrileitinger.at 2013