Chri Leitinger
07 Mai

Hyperstatische Seile im Bergsport

 

Hyperstatische Seile/Reepschnüre mit einem Kern aus Dyneema oder Aramid und einem Mantel aus Polyamid oder Polyester gibt es ja schon länger. Obwohl von einigen bereits vor Jahren auf Hochtouren verwendet, kam das Material eigentlich fast nur beim Standplatzbau und als Ersatz für das klassische Reepschnürl zum Einsatz.

 

Seit namhafte Hersteller wie Petzl, Mammut, Edelried oder Austrialpin solche Seile im Sortiment haben, wird es als Ersatz für das dynamische Seil in gewissen Einsatzbereichen mehr und mehr zum Thema.

 

Die Vorteile liegen auf der Hand

+ rd. 50% leichter als ein Einfachseil

+ rd. 50% kleineres Packmaß

+ Spaltenstürze sind etwas leichter zu halten

+ hohe Kantenfestigkeit

+ hohe Bruchkraft

+ geringe Wasseraufnahme

+ wenig Reibung bei Bergetechniken

 

Nachteile

– Eingeschränkter Einsatzbereich

– teilweise zusätzliches Material notwendig (fürs Abseilen, Bergetechniken)

– zur Vorstiegssicherung ungeeignet

– wenig Reibung beim Abseilen, Ablassen

– je nach Hersteller nur in 30m und 60m zu bekommen

– hohe Anschaffungskosten für ein „Spezialequipment“

– eher für gut ausgebildete Spezialisten

 

Im Rahmen der Bergführerkoordination des ÖAV Bundeslehrteams haben wir uns einen Tag lang intensiv mit den dünnen Seilen beschäftigt. Dazu ein paar Erkenntnisse und Gedanken zu den dünnen „Schnürln“.

 

Der Einsatzbereich liegt vorwiegend auf Skihochtouren, leichten Hochtouren ohne/mit sehr wenig Felsanteil im Sommer, beim Variantenfahren (vulgo „Freeriden“), oder zum Nachsichern am Klettersteig. Die Gewichts- und Platzersparnis ist dabei enorm, wie ich kürzlich bei unserer Woche im Kaukasus feststellen konnte.

 

Spaltensturz

Je nach gewählter Länge funktioniert die lose Rolle als Spaltenbergetechnik auf Grund eines zu kurzen Restseils nicht mehr. Dann muss auf einen einfachen oder mehrfachen Flaschenzug zurückgegriffen werden. Mit Micro Traxion, Tibloc & Co kein Problem, auch das Überwinden von Bremsknoten lässt sich gut lösen. Prusiks und andere Klemmknoten neigen gerne zum Rutschen. Bei mehr als drei Wicklungen wird es endgültig fummlig. Die geringe Gebrauchsdehnung macht sich beim Bergen angenehm bemerkbar.

 

Selbstrettung

Mit Prusik und Bandschlingenklemmknoten eher mühsam, mit den diversen Klemmgeräten problemlos. Auch die Bremsknoten lassen sich beim Prusiken und bei der Münchhausentechnik gut überwinden.

 

Abseilen/Ablassen

Tuber und 8er im normalen Modus haben zu wenig Bremskraft. Von einigen Herstellern gibt es bereits eigene Abseilgeräte. Ansonsten funktioniert ein HMS/doppelter HMS oder ein Tuber im modifizierten Modus gut. Abseilen/ablassen mit der RAD Line von Petzl geht sehr angenehm, mit der Core.DY von AustriAlpin ruckelt es ziemlich. Im Allgemeinen sind die Seile anfangs unangenehm steif, werden aber bei Gebrauch etwas weicher. Ausnahme ist das sehr weiche Seil von Petzl.

 

Fazit

Die erste Tourenwoche und der Fortbildungstag haben mich begeistert. Für einen eingeschränkten Einsatzbereich eine echte Alternative zum Einfach-/Halbseil. Vor allem im Führungsbereich wird man zukünftig immer öfter hyperstatische Seile im Einsatz sehen. Da die Reserven des Systems ziemlich ausgereizt sind sollte man diese Art der Seile nicht unreflektiert verwenden, sondern sich mit der Materie vertraut machen.

 

 

 

© chrileitinger.at 2013